Phytotherapie
im Spiegel der Geschichte
Bereits
in ältesten Überlieferungen finden wir Hinweise auf die Pflanzenheilkunde.
Da sie oft von Priestern angewendet wurde, wurde sie häufig auch mit religiösen
Lehren vermischt.
Phytotherapie
in Indien und China
So
beispielsweise in Indien, wo sie im Ayur veda, dem "Buch der
Lebenskunde"
niedergeschrieben ist. Die altpersische Medizin kannte bereits 10000 Heilmittel
und 9000 Krankheiten.
In
Oxford (in der Bodlion Library) wird noch heute eine Handschrift
buddhistischer Mönche aus den Jahren 350 - 375 n. Chr. aufbewahrt. Sie ist
auf 51 Birkenbastblättern geschrieben und wurde, zwischen zwei Brettchen
verschnürt, in der chinesischen Stadt Turkestan gefunden. Sie enthält drei
medizinische Schriften, darunter auch ein Loblied auf den Knoblauch. Das
verwundert nicht, galt Buddha doch als Schutzherr der Heilkunde.
Die
chinesische Kultur hat eine lange Geschichte - genauso wie die Geschichte
der chinesischen Medizin. Bereits 3700 v. Chr. verfasste ein chinesischer Kaiser
namens Shin-nong Bücher über die pharmakologische Pflanzenkunde. Er muss
ein sehr praktischer Herrscher gewesen sein, denn er war außerdem noch der
Erfinder des Pfluges. Um 100 n. Chr. erschien ein anderes, sehr wichtiges Werk,
die Chan-hanloun, die Lehre von den fieberhaften Erkrankungen. Sie empfiehlt
als Heilmittel Pflanzen wie Ginseng, Aconit gegen Lähmungen, Moschus und
Kampfer als Nervenmittel, sowie Rhabarber als Abführmittel.
Die
Chinesen mochten stark wirkende Mittel und hatten dazu noch eine Vorliebe
für hohe Dosen. Auch kannten sie sich in der Anwendung von Opium aus und
sahen, dass der Boden, der Zeitpunkt der Ernte und die Art des Trocknens
einen Einfluss auf den Wirkstoffgehalt und damit auch auf die Wirkung der
Heilpflanze hatten.
Phytotherapie
in Ägypten
In
Ägypten war, wie in Indien, die Heilkunde mit der religiösen Lehre vermischt.
Die Pastophoren, ägyptische Priester, studierten die Heilkunde aus
Hermesbüchern, von denen das 4. Buch besonders die Heilmittel beschrieb.
Für
jede Erkrankung gab es einen eigenen Priesterarzt. Die Priester hatten
strenge Lebensregeln, sie hielten strenge Diät, aßen keine Hülsenfrüchte,
kein Schweinefleisch und waren sehr auf Hygiene bedacht. Es wurden
Reinigungskuren mit Brechmitteln, Klistieren und Abführmitteln durchgeführt.
Auch
verstanden sie das Einbalsamieren von Leichen. Dazu füllten sie die
leeren Körperhöhlen mit Zimt und Myrrhe. Eine medizinische Rezeptsammlung
stellt der Papyrus Ebers dar, der bereits 1500 v. Chr. verfasst wurde und
noch heute in der Universitätsbibliothek in Leipzig aufbewahrt wird. Er mißt
eine Länge von 20 m und enthält Beschreibungen von über 700 Naturstoffen.
Die ägyptische Medizin damaliger Zeit verwendete die Meerzwiebel bei
Wassersucht, Rettich als Brustmittel, und auch Knoblauch und Zwiebel
standen hoch im Kurs. So berichtet Herodot, dass jeder Arbeiter beim Bau
der großen Pyramide täglich 1600 Talente Rettich, Zwiebel und Knoblauch
erhalten hätte.
Die
ägyptische Medizin wurde auch von den Juden aufgenommen und in
Form religiöser Gebote umgesetzt. Moses erließ 1500 v. Chr. Speiseregeln
und gab Vorschriften für Bäder und Reinigungen heraus.
In
der Bibel finden wir im Psalm 51 David folgende Aufforderung:
"Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein sei, wasche mich, dass ich weißer
sei als der Schnee". Ysop wurde in jüdischen Tempeln als Sprengwedel
benutzt.
Auch
waren Frühjahrskuren wohlbekannt - so wurden zum Passahfest
bittere Kräuter, wie Lattich, Endivie, Zichorie und Löwenzahn genossen.
Phytotherapie
in Griechenland
Auch
die griechische Kultur hatte großes Wissen um Heilpflanzen, was sich
auch in den griechischen Sagen widerspiegelt. Der thessalische Centaur
Cheiron heilte die Wunde des Achilles mit Schafgarbe, Achillea millefolium
und soll Großes in der Chirurgie geleistet haben. Ihm zu Ehren wurde das
Tausendgüldenkraut lateinisch mit Pflanzennamen Centaurium benannt.
Sein Schüler war Asklepios, ein Sohn des Apollo, der heilende Gott der
Griechen. Für Asklepios baute man Tempel, deren Priester Asklepiaden
genannt wurden und die Heilkunde in Verbindung mit der Religion ausübten.
Streng hüteten sie die Geheimnisse um diese Heilkunde.
Dann
vollzog sich eine Trendwende, die Priesterschulen wurden von
Philosophenschulen abgelöst, in denen jetzt die wirksamen Heilkräuter und
ihre Anwendung offen gelehrt wurden. Der größte Lehrer dieser
Philosophenschulen war Pythagoras (584 - 504 v. Chr.). Er verkündete die
Lehre von der Reinheit und Größe der sittlichen Seelenanschauung.
Er plädierte für vegetarische Diät und Sport und war gegen den Genuß
von Fisch und Bohnen.
An
Heilpflanzen verwendete er vor allem die Meerzwiebel zur Abwehr allen
Übels, ferner Anis und Senfsamen zur Anregung der Verdauung und Kohl
als harntreibendes Mittel.
Die
Pflanzenheilkunde erreichte bei den Griechen eine Blütezeit, und so soll
auch das Wirken des Hippokrates (ca. 460 - 377 v. Chr.) nicht unerwähnt
bleiben. Er beschrieb in seinem Werk 234 Heilpflanzen und gilt als größter
und berühmtester Arzt des Altertums. Auf ihn geht der Hippokrates-Eid
zurück.
Charakteristisch
für seine Persönlichkeit ist folgende Anekdote:
Hippokrates wurde einst aufgefordert, den Gemütszustand des von seinen
beschränkten Landsleuten, den Abderiten, für verrückt gehaltenen
Philosophen Demokritos zu untersuchen, den er mit tiefsinnigen
naturphilosophischen Studien beschäftigt fand. Gefragt, was er treibe,
antwortete Demokritos, er studiere die Torheit der Menschen, worauf
Hippokrates ihn für den weisesten aller Menschen erklärte.
An
den Arzt stellte Hippokrates höchste Ansprüche. So sagte er:
"Es muss derjenige, welcher sich die richtige Kenntnis der ärztlichen
Kunst
sicher aneignen will, folgendes besitzen: natürliche Anlage, Schulung,
einen geeigneten Ort, Unterweisung von Kindheit an, Arbeitslust und Zeit".
Nach
damaliger Auffassung durchläuft eine Krankheit drei Stadien: das
Stadium der Roheit (Apepsie), das der Kochung (Pepsie, Koktie) und das
der Ausscheidung (Crisis). Diese Krankheitslehre blieb über Jahrhunderte
bestehen. Hippokrates proklamierte die Viersäfte- oder Humorallehre.
Nach dieser Lehre herrschen im menschlichen Organismus vier Kardinalsäfte:
Nach
seiner Meinung beruht Gesundheit auf der richtigen Mischung
(Eukrasie) dieser vier Säfte, und Krankheit ist ein fehlerhaftes
Mischungsverhältnis (Dyskrasie). Diese Dyskrasie kann hervorgerufen
werden durch falsche Lebensweise, zurückgehaltene Ausscheidungen,
klimatische Einflüsse, seelische Faktoren, Gifte usw.
Hippokrates
hat in seinen Büchern "Über die Hygiene der Lebensweise",
"Über die Diät bei akuten Krankheiten", "Über die Leiden"
und "Über die
alte Medizin" viele Vorschriften zur gesunden Lebensführung gegeben.
Phytotherapie
der Römer
Für
die Römer hatte die Pflanzenheilkunde keinen hohen Stellenwert.
Erst mit Ankunft jener Ärzte, die in Griechenland studiert hatten und
wie Asklepiades (128 - 56 v. Chr.) heimkehrten ins römische Reich,
wurde das Interesse für Heilpflanzen neu belebt.
Unter
dem Militärarzt Dioscurides erlebte sie einen gewissen Höhepunkt.
Dioscurides lebte unter Kaiser Nero 40 - 90 n. Chr. und beschrieb in
seinen Werken mehr als 600 Arzneipflanzen. Besonders hervor hob er
Gauchheil, Kalmus, Wegwarte, Distel, Zinnkraut, Erdrauch, Huflattich,
Labkraut, Hauhechel, Wegerich, Klee und Baldrian. Schöllkraut empfiehlt
er bei Wechselfieber, wilden Bertram bei Epilepsie und Alantwurzel bei
Magen- und Lungenleiden. Noch heute wird die Arzneipflanzensammlung
in arabischer Übersetzung im Orient verwendet.
Zur
gleichen Zeit veröffentlichte der Römer Plinius (Plinius secundus,
der Ältere 25 - 79 n. Chr.) 37 Bücher mit dem Titel "Historia naturalis".
Seine Bücher sind für die Entwicklung der Naturwissenschaften von
großer Bedeutung gewesen, auch wenn sich im Gegensatz zu den
Werken des Dioscurides einige Flüchtigkeitsfehler in seinem Werk finden,
denn er war weder Arzt noch Anhänger der Heilkunde.
Bei
Galen (131 - 300 n. Chr.) finden wir erstmalig die gedankliche
Verbindung von Pflanze und ihrer pharmakologischen Wirkung. Man
musste die Qualität der Pflanze kennen, um Rückschlüsse auf ihre
Wirkung ziehen zu können (Qualitätenlehre). Diese Qualitätenlehre
bedeutet: in der Grundqualität ist eine Substanz warm oder kalt,
feucht oder trocken. Ein Beispiel: Meerwasser ist feucht, hat aber
einen trocknenden Effekt auf den Menschen (Kochsalz zieht Wasser).
Die zweite Qualität beschreibt den Geschmack der Pflanze: bitter,
salzig, süß, sauer. Und die dritte Qualität gibt die spezifische Wirkung
an wie: abführend, brecherregend usw. Darüber hinaus teilte er die
Wirkungen in vier Intensitätsgrade ein: unmerklich, offenkundige,
heftige und vollständige Wirkungen.
Für
die Praxis bedeutete dies, dass eine Krankheit, die im 2. Stadium
kalt war, mit einem Mittel behandelt werden musste, das im
2. Stadium warm war. Hiermit schuf er ein Heilsystem, das später
von den Scholastikern aufgegriffen wurde.
Phytotherapie
der Germanen
Das
Heilwesen der Germanen entwickelte sich aus dem
Zusammenleben mit der Natur. Sie sahen Krankheit als Folge
astrologischer Einflüsse; speziell der Einfluss des Mondes spielte
eine große Rolle. Denken wir doch an die Warzenbehandlung bei
abnehmendem Mond - sie ist germanischen Ursprungs. Die Heilkunde
wurde vorwiegend von Frauen ausgeführt, und in der Edda ist von
den neun heilkundigen Jungfrauen die Rede. Schon die ersten
isländischen Germanen hatten eine hochentwickelte Heilkunde
und verwendeten Lauch und Angelika als Wundpflanzen.
Weiterhin
war für die Germanen die Reichsverordnungen Karls des
Großen (768 - 814) von großer Bedeutung. In dieser Reichsverordnung
erließ er Vorschriften über den Anbau von Heilpflanzen in Kloster-,
Wirtschafts- und Bauerngärten.
Wörtlich
hieß es darin: "Wir wollen, dass man in den Gärten alle
diese Kräuter Halte: Lilien, Rosen, Bockshornklee, Salbe, Raute,
Eberraute, Gurken, Kürbisse, Melonen, Schminkbohnen, Kümmel,
Rosmarin, Meerzwiebel, Schwertlilie... und viele andere mehr.
An Bäumen sollen sie haben: Apfel-, Birn- und Pflaumenbäume
verschiedener Art, Ebereschen, Mispeln, Kastanien, Pfirsiche,
Quitten, Haselnüsse, Mandel- und Maulbeerbäume, Lorbeer- und
Feigenbäume, Nuss- und Kirschbäume verschiedener Art.
Diese Früchte sollen in trockenen Kellern aufbewahrt werden."
Als
das Christentum in Deutschland Fuß fasste, wurden erste
Krankenhäuser gebaut, und es waren Mönchsorden, u. a. der Orden
der Benediktiner, die die Heilkunde ausübten. Diese Mönchsmedizin
stellte eine Verschmelzung von antikem Wissen und naturbezogenem
germanischem Wissen dar, Für die weitere Entwicklung war auch das
Werk der Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179), "Causa et
Curae", wegweisend. Sie war das jüngste von zehn Kindern des
Burggrafen von Bökelheim. Da sie oft kränkelte, das Gehen nur schwer
lernte, interessierte sie sich schon früh für Medizin. Sie sah den
Menschen eingebunden in die verschiedenen Elemente und das Weltall.
In
ihren Büchern beschreibt sie Pflanzen wie Bibernell, Bockshornklee,
Brennessel, Engelsüß, Galgant, Huflattich, Klette, Lorbeer, Majoran,
Raute, Storchschnabel, Tormentill, Wermut und Zittwer.
Auch
die christliche Religion spiegelt sich in der Pflanzenheilkunde
wieder. Heilkräuter wurden besonders der heiligen Maria und
Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu, geweiht. So glaubte man,
daß in den 30 Tagen nach Mariä Himmelfahrt (15. August) die
Heilkräuter besondere Kräfte besäßen und nannten diese Zeit
"Frauendreißigst". Am Tag Mariä Himmelfahrt selbst, weihte man
drei mal drei (neunerlei) Kräuter als Symbol der höchsten Kraft der
heiligen Dreieinigkeit.
Diese
waren Wermut, Beifuss, Stabwurz, Kunigundenkraut,
Alpenampfer, Alant, Rainfarn, Baldrian und Wollblume. Auch
am 24. Juni, dem Tag Johannes des Täufers, wurden neunerlei
Kräuter geweiht. Hierzu wurde besonders das Johanniskraut
ausgewählt.
Ein
neunerlei Kräuterspruch lautet:
Schüttelt
dich das Fieber, schaudert dich die Haut,
Mache dann zu Pulver Tausendgüldenkraut,
Cardobenedicten, Salbei, Scordium,
Eisenkraut und Wermuth, Erdrauch mit der Blum´,
Wasserklee desgleichen, Rosmarin dabei,
Diese Kräuter alle, sind ja neunerlei;
Nimm sie ein in Weine, deck´dich fest zu,
So läßt dir das Fieber und die Kälte Ruh´.
Phytotherapie
im 15. Jahrhundert
Mit
Beginn der Buchdruckerkunst erschienen zahlreiche
Pflanzenbücher. Als ältestes gedrucktes Buch gilt das im Jahre
1483 in Rom reich bebilderte Buch "Herbarium" des Apulejus Barbarus.
1497 erschien von dem Straßburger Hieronymus Brunschwygk ein
Buch über Chirurgie und seine Erfahrungen, die er als Wundarzt
machte. Er erforschte und beschrieb europäische Pflanzen und
brachte ein Destillierbuch heraus.
Otto
von Brunfels, ein Carthäusermönch und späterer Arzt, ordnete
die Pflanzen erstmalig nicht alphabetisch, sondern nach ihren
Familien. Diese Zuordnung brachte ihm den Namen "Vater der Botanik"
ein.
Nicht
zu vergessen das Werk von Philippus Aureolus Theophrastus
Bombastus von Hohenheim (1493 - 1541), auch Paracelsus genannt.
Er schrieb ein viele Bände umfassendes Werk und setzte Heilpflanzen
in Beziehung zu Astrologie, beobachtete dabei, wie die Germanen,
besonders den zu- und abnehmenden Mond. Sein Werk ist wohl das
erste in diesem Umfang, das in deutscher Sprache verfaßt wurde.
Er
studierte Medizin an italienischen Hochschulen, besaß einen klaren
Verstand und ein Wissen von enormen Umfang. Er führte Begriffe der
Chemie in die Medizin ein, Vorgänge wie sublimieren und destillieren
von Substanzen. Für ihn ist der Lebensprozess hauptsächlich ein
chemischer Prozess, und es ist die Aufgabe der Chemie, krankhafte
Prozesse zu heilen. Damit steht er im krassen Gegensatz zur
Vielsäftetheorie des Hippokrates.
Er
setzte zur Behandlung verstärkt Schwefel, Blei, Antimon,
Quecksilber, Eisen und Kupfer ein, und nannte diese chemischen
Heilmittel Spagyrik. Auf den Vorwurf, er gebe seinen Patienten Gift,
antwortete er: "Alle Dinge sind Gift und nicht ohne Gift. Allein die
Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist". Dabei achtete er stark auf
die Eingebundenheit des Menschen in die Natur und den Kosmos.
Er versuchte das wirksame Prinzip zu isolieren, sei es aus Pflanzen
oder aus Heilwässern. Dieses Prinzip nennt er Arkanum.
Paracelsus
wurde dazu von der Signaturenlehre beeinflusst.
Diese Signaturenlehre besagt, dass bei Erkrankungen der Organe die
Pflanzen heilend wirken, die den Organen in Farbe, Form und
Aussehen ähneln, so z.B. Schöllkraut bei Gelbsucht (der gelbe
Pflanzensaft als pflanzliches Äquivalent zur gelben Farbe der Haut),
Augentrost, der dem Aussehen des menschlichen Auges ähnelt usw.
Nach
dem Tode Paracelsus, entbrannte ein Kampf um die Behandlung
von Krankheiten mit galenischen (zurückgehen auf Galen) oder
spagyrischen (chemischen) Heilverfahren.
Von
den späteren Ärzten sei vor allem Friedrich Hoffmann, Professor
in Halle, erwähnt. Auf ihn gehen die bekannten Hoffmannstropfen
zurück, eine Mischung aus Alkohol und Äther. Außerdem lobte er die
Schafgarbe wegen ihrer krampflösenden Wirkung und zur Stärkung
der Eingeweide. Bekannt wurde auch sein Lebensbalsam "Balsamum
vitae". Er besteht aus je einem Teil Lavendelöl, Nelkenöl, Zimtöl,
Thymianöl, Citrusöl, Muskatöl, Orangenblüten, Perubalsam und 240
Teilen Spiritus.
Phytotherapie
im 18. Jahrhundert
Im
18. Jahrhundert machte der hessische Leibarzt J. Kämpf von sich
reden. Er veröffentlichte die Schrift: "Kur, besonders durch die
Visceralklistiere" (viscera=Eingeweide). Für seine Klistierbehandlungen
verwendete er spezielle Klistiere aus Zinn, so dass zwei Zinngießer
über 2000 Klistiere in kurzer Zeit verkaufen konnten. Er setzte
Kräuterklistiere auch dann ein, wenn die Erkrankung nichts mit
Verstopfung oder Darmkatarrhen gemeinsam hatte. Diese Klistiere
wurden viel zu häufig angewendet. Berichtet wird von einem
Patienten, der in wenigen Monaten 1000 Klistiere bekam. Seine
Klistiere enthielten Auszüge aus folgenden Kräutern: Löwenzahn,
Tausendgüldenkraut, Seifenkrautwurzel und Queckenwurzel zu
gleichen Teilen und wurden mit Regenwasser hergestellt.
Phytotherapie
im 19. Jahrhundert
Zu
Beginn des 19. Jahrhunderts traten weitere Kenner der
Pflanzenheilkunde auf die Bildfläche: Hufeland und Hahnemann, der
Begründer der Homöopathie. Auf Hahnemann gehen wir im Rahmen
unserer Serie in den Ausgaben Homöopathie noch genauer ein.
Hufeland
knüpfte an die Humoral- oder Vielsäftelehre Hippokrates an.
Er führte den Begriff Dyskrasie wieder ein und deutete den Begriff
Crisis neu:
"Dies
ist der wahre Sinn des großen Wortes Crisis, was uns so
erhaben als geheimnisvoll vom grauen Altertum her entgegentönt.
Nicht die kritische Ausleerung, nicht die äußerlich erfolgende
Veränderung, sondern der innerliche Heilungsprozeß, die innerliche
Bearbeitung der Krankheit, das Werk der inneren assimilierenden
secernierenden, metamorphosierenden, neuschaffenden Naturkraft,
was allein jenen äußern Erscheinungen zum Grunde liegt, das ist es,
was dieses Wort ausspricht, und was von allen, der Natur getreuen,
tiefer blickenden und nicht durch Schulsysteme geblendeten Ärzten
darunter verstanden wurde, von Hippokrates an bis auf Sydenham,
Hoffmann und Boerhaave".
Er
erläuterte seine Vorstellungen in seinem Buch "Enchiridion medicum".
Außerdem gab er das Hufeland-Journal heraus, eine medizinische
Fachzeitschrift, in der auch Hahnemann 1796 seinen
Chinarindenversuch veröffentlichte. Eine Zeitlang gingen er und
Hahnemann gemeinsame Wege, doch dann trennten sie sich, so wie
sich auch ihre geistigen Wege trennten. Hufeland setzte auf
Behandlungsmethoden der damaligen Zeit: Aderlass, Schröpfen,
Blutegel, Räucherungen, Klistiere usw., die Hahnemann von Grund auf
ablehnte. Für Hahnemann war Krankheit eine Verstimmung der
Lebenskraft, also ein energetisches Geschehen, das nur durch
energetische Behandlungen geheilt werden kann.
In
Frankreich wurde die Pflanzenheilkunde vom Standpunkt der
Toxikologie (Lehre von der Giftigkeit der Stoffe) durch den Forscher
Orfila näher beleuchtet. Er fasse sein Wissen in einem fünfbändigen
Werk zusammen.
Der
Forscher Professor Oslander verfasste ein Buch über die
volkstümlichen Anwendungen von Heilpflanzen unter dem Titel
"Volksarzneymittel".
Zahlreiche
Bücher über Pflanzen wurden veröffentlicht. Nicht
unerwähnt lassen wollen wir die "Erfahrungsheillehre" (1851), das
zweibändige Werk Rademachers. Er bezeichnete die Pflanzen nach
den Krankheiten, bei denen sie eingesetzt wurden, so z.B.
Eisenkrankheit, Salpeterkrankheit usw., da er die Ansicht vertrat,
es nütze die beste Diagnose nichts, wenn kein Heilmittel zur
Behandlung verfügbar ist.
Phytotherapie
im 20. Jahrhundert
Das
20. Jahrhundert begann mit einer Revolution in der Forschung.
1882 entdeckte Robert Koch das Mycobacterium tuberculosis, 1895
Wilhelm Conrad Röntgen die Röntgenstrahlung, 1910 Pierre und
Marie Curie die radioaktiven Elemente Polonium und Radium. Rudolf
Virchow gilt als Begründer der Zellularpathologie, die er aber dann
auf seinem Sterbebett widerrufen hat. Emil von Behring entwickelte
das erste Diphterie-Serum und Sertürner isolierte das Morphium aus
dem Opium. Im 20. Jahrhundert nahmen Medizin und Pharmazie einen
gewaltigen Aufschwung und immer neue Verfahren, Geräte und
Arzneistoffe wurden entwickelt. Mittels neuer chemischer
Untersuchungsmethoden wurden auch viele Pflanzeninhaltsstoffe
analysiert.
In
der Erforschung der Heilpflanzen sei Professor Dragendorff aus
Rostock zu nennen. Sein Werk "Die Heilpflanzen der verschiedenen
Völker und Zeiten" (1898) umfasst die Beschreibung von 12700
Pflanzen und ist auch heute noch ein großes Werk, wenn es um
die Anwendung von Heilpflanzen geht. Ein weiterer berühmter
Heilpflanzenforscher war Robert Kobert, aus Bitterfeld, der später
als Pharmakologe in Rostock tätig war. Er veröffentlichte 1897
das "Lehrbuch der Pharmakotherapie" und 1908 das "Lehrbuch
der Intoxikationen". Er forderte die Anwendung der Heilpflanzen
und leistete einen großen Beitrag für die Phytotherapie.
Auf
ihn geht die Rezeptur des Kobert´schen Lungentee zurück:
|
Herba
Equiseti
|
Zinnkraut
|
75,0 g
|
|
Herba
Polygoni avicul.
|
Vogelknöterich
|
150,0
g
|
|
Herba
Galeopsidis ochr.
|
gelblich-weißer
Hohlzahn
|
50,0 g
|
4-1/2
Teelöffel auf 6 Tassen Wasser einkochen auf 3 Tassen,
monatelang 3 Tassen trinken.
In
neuerer Zeit sei verwiesen auf Sebastian Kneipps
"Das große Kneippbuch" (1935) und die Schriften des Schweizer
Pfarrers Künzle "Chrut und Unchrut". Beide haben das Interesse
an der Pflanzenheilkunde in der Öffentlichkeit am Leben erhalten.
Auch die Medizin der heiligen Hildegard von Bingen erfährt heute
eine Renaissance.
Phytotherapie
heute
Wir
teilen heute die Phytotherapie in ein Spektrum von stark
wirksamen Pflanzen (Forte-Phytotherapeutika), wie Belladonna
oder Digitalis auf der einen Seite, und schwach wirkende
(Mite-Phytotherapeutika), wie Kamille oder Pfefferminze auf der
anderen Seite, ein.
Dieses
Schema (siehe nachfolgende Tabelle) zeigt die beiden Pole
des Kontinuums. Die Wirkcharakteristik der meisten Heilpflanzen
liegt irgendwo zwischen diesen Extremen. Schwach wirksam heißt
aber nicht unwirksam, sondern es bedeutet, daß von diesen
Pflanzen keine unmittelbare, intensive Wirkung ausgeht.
Forte-Phytotherapeutika
zeichnen sich durch stark wirkende
Inhaltsstoffe aus; sie können in Form von Tees oder alkoholischer
Auszüge eingenommen werden.
Übersicht
über Charakteristika
der Forte- und Mite-Phytotherapeutika
|
|
Forte
|
Mite
|
|
Wirkung:
|
stark
sofort
dosisabhängig
|
schwach
verzögert
zeitabhängig
|
|
Toxizität
|
ausgeprägt
|
schwach
|
|
therapeutische
Breite
|
schmal
|
groß
|
|
Indikation
|
akute
Krankheiten
|
chronische
Krankheiten
|
|
Zusammensetzung
|
isolierte
Reinsubstanz
|
natürliche
Wirkstoffkomplexe
|
|
Wirknachweis
|
experimentell
|
empirisch
|
|
Wirkmechanismus
|
bekannt
|
nicht
oder nur teilweise bekannt
|
|
Standardisierung
|
definierter
Wirkstoffgehalt
|
Leitsubstanzen
|
|
Beispiele
|
Fingerhut,
Tollkirsche
|
Kamille,
Weißdorn
|
Forte-Phytotherapeutika
Sie
finden wir u. a, in der Gruppe der Alkaloid- und herzwirksamen
Glykosidpflanzen.
Zu
den Alkaloidpflanzen gehören Pflanzen wie Belladonna, Mutterkorn,
Bilsenkraut, Stechapfel und viele andere mehr. Therapeutisch
angewendet wird z.B. von den Alkaloidpflanzen die Tollkirsche mit dem
Inhaltsstoff Atropin. Atropinhaltige Augentropfen erweitern die Pupille,
und der Augenarzt kann durch Spiegelung des Augenhintergrundes
Rückschlüsse auf bestehende Erkrankungen schließen.
Zu
den herzwirksamen Glykosidpflanzen zählen Pflanzen wie Fingerhut,
Meerzwiebel, Strophantus, Maiglöckchen, Oleander, um nur ein paar
Beispiele zu geben. Diese Heilpflanzen werden bei Herzinsuffizienz
angewendet.
Mite-Phytotherapeutika
Sie
finden wir in folgenden Gruppen von Pflanzen
Pflanzen,
die etherisches Öl enthalten:
Anis,
Fenchel, Kamille, Kümmel, Majoran, Pfefferminze, Ringelblume,
Rosmarin, Thymian. Diese Pflanzen werden bei ganz verschiedenen
Erkrankungen eingesetzt. Anis, Fenchel und Kümmel bei Blähungen,
Kamille bei Magenschleimhautentzündungen, Pfefferminze bei
Gallenbeschwerden, Ringelblume zur Wundheilung und Thymian
zum Hustenlösen.
Pflanzen,
die Bitterstoffe enthalten:
Benediktendistel,
Engelwurz, Enzian, Gelbwurz, Löwenzahn,
Odermennig, Pomeranze, Schafgarbe, Schöllkraut,
Tausendgüldenkraut, Wermut. Sie steigern die Produktion von
Magensaft und Galle und helfen bei Verdauungsstörungen.
Pflanzen,
die abführende Substanzen enthalten:
Aloe,
Faulbaum, Kreuzdorn, Rhabarber, Senna. Sie bewirken, dass
verstärkt Wasser und Salze in den Darm gelangen und der Stuhl
aufgeweicht wird. Die dauernde Anwendung dieser abführenden
Pflanzen führt deshalb auch zu Kaliumverlusten bis Kaliummangel.
Pflanzen,
die die Nierenausscheidung anregen:
Birke,
Bruchkraut, Goldrute, Hauhechel, Liebstöckel, Petersilie,
Wacholder, Zinnkraut. Sie fördern die Ausscheidung von Wasser
und Salzen und verhindern, dass Infektionen aufsteigen.
Die Niere wird "gespült".
Pflanzen
mit harnwegsdesinfizierenden Eigenschaften:
Bärentraubenblätter,
Preisselbeere - sie haben desinfizierende
Eigenschaften und werden bei Entzündungen der Harnwege
eingesetzt.
Pflanzen,
die die Blasenentleerung erleichtern
Brennnesselwurzel,
Glockenbilsenkraut, Kürbis, Sägepalme,
Sonnenhutwurzel, kleinblütiges Weidenröschen, Zitterpappel -
sie erleichtern die Blasenentleerung und werden bei
Prostatabeschwerden und Reizblase angewendet.
Pflanzen,
die beruhigende Wirkungen haben
Baldrian,
Hafer, Hopfen, Kalifornischer Mohn, Melisse, Passionsblume,
Rauschpfeffer, Baldrian und Johanniskraut, das in höheren
Dosen antidepressiv wirkt.
|